Der UNESCO-Biosphärenpark Großes Walsertal –
Chance für eine lebenswerte Zukunft
Das Große Walsertal in Vorarlberg ist das jüngste Biosphärenreservat Österreichs. Die Region wurde am 10. November 2000 von der UNESCO in die Liste der weltweiten Modellregionen für nachhaltiges Leben und Wirtschaften aufgenommen.
Warum gerade das Große Walsertal? – Eine Idee wird geboren
Das Große Walsertal mit knapp 200 km 2 liegt mit seinen
sechs Gemeinden im Herzen Vorarlbergs. Etwa 3500
Menschen wohnen in diesem bergbäuerlich geprägten
Hochgebirgstal. Das tief eingeschnittene Kerbtal wurde
im 13. Jahrhundert von den Walsern besiedelt. Noch
heute zeugt die typische Streusiedlungsstruktur der
Walser, die manche Häuser wie an den Steilhang geklebt
erscheinen lässt, von dieser Geschichte.
Das Große Walsertal ist ein Gebiet, in dem es praktisch keine Industrie gibt, dafür aber einzigartige Naturschätze und Kulturschätze. Diese Schätze sind die Grundlage für die Lebensqualität der Bewohner, für die Landwirtschaft, den Tourismus, die Wirtschaft und den Erfolg der regionalen Produkte. Im Großen Walsertal findet man durchwegs noch „kleine Strukturen“ – sei es in der Landwirtschaft, im Gewerbe oder auch im Tourismusbereich. Diese kleinräumigen Strukturen wurden in der Vergangenheit oft als Nachteil betrachtet – „man habe eben irgendetwas in der Entwicklung verpasst“. Im Tal gibt es knapp 200 landwirtschaftliche Betriebe, von denen immerhin noch die Hälfte im Haupterwerb tätig ist. Ein weiterer wichtiger Erwerbszweig ist der Tourismus, der jährlich ca. 180 000 Nächtigungen verzeichnet – eine Zahl, die zur Zeit eher stagnierend bzw. sogar sinkend ist. Viele Talbewohner sind gezwungen auszupendeln, um einer Arbeit nachgehen zu können, was zu einer geringen Wertschöpfung in der Talschaft führt. Die Bevölkerung wird sich nun immer mehr bewusst, dass diese vermeintliche Krise auch als Chance für eine lebenswerte Zukunft genützt werden kann. Talbewohner und Experten waren sich einig, dass das Große Walsertal Mensch, Natur und Wirtschaft miteinander in Einklang bringen kann und somit als international anerkannte Modellregion prädestiniert ist.
1998 überlegte man sich, eine Regionalentwicklung zu forcieren, die auch noch nachfolgenden Generationen eine gute Lebensqualität im Tal ermöglichen sollte. Die Idee, nach dem UNESCO Programm Mensch und Biosphäre, kurz MAB genannt, ein UNESCO-Biosphärenreservat und somit Teil eines weltweiten Netzwerkes von Modellregionen für nachhaltiges Wirtschaften und Leben zu werden, war geboren.
Mensch, Natur und Wirtschaft im Einklang – (Wie) geht das?
Dass man über das Große Walsertal nicht einfach eine „Schutz-Käseglocke“
stülpen kann, war den Promotoren der Idee „Biosphärenpark“ gleich zu Beginn klar. Man war sich einig, dass man eine
Entwicklung ankurbeln musste, die sowohl den Menschen als auch der Natur und der Wirtschaft
zugute kommen sollte. Das MAB-Programm
ist die Basis der von der UNESCO weltweit
eingerichteten Biosphärenreservate, von denen es mittlerweile über 400 gibt. Es geht in
Biosphärenreservaten darum, die Natur zu nutzen, ohne ihr zu schaden. Biosphärenreservate sind
nicht als reine Naturschutzgebiete konzipiert sondern als Orte, an denen die Natur beobachtet und
erforscht wird, an dem die landschaftlichen Schätze als Kapital für die Entwicklung von Tourismus,
Wirtschaft und Lebensqualität gesehen werden.
„Partizipation“ bereits zum Projektstart – ein Erfolgsfaktor
Gemeinsames Leitbild
Im Großen Walsertal wurde die Bevölkerung in die Idee „Biosphärenpark“ gleich zu Beginn aktiv mit
eingebunden. Fast 70 WalserInnen erarbeiteten gemeinsam mit zwei externen Moderatoren ein
Leitbild zu verschiedenen Themenfeldern, das die Ziele für das Tal in den nächsten Jahren
festschreiben sollte.
Logo
Auch das Logo für den Biosphärenpark wurde nicht von einem
professionellen Designer gestaltet – ein Biosphärenpark-Logo zu
kreieren war das Thema eines Schülerzeichenwettbewerbs im
Großen Walsertal.
„Lebenswert leben“
Sehr unterstützend für die Bewusstseinsbildung im Rahmen der
Einrichtung des Biosphärenparks erwies sich das Projekt „Lebenswert
leben“, das von der Vorarlberger Landesregierung 1997 für verschiedene Gemeinden initiiert wurde.
Bei diesem Projekt geht es in erster Linie um Hilfe zur Selbsthilfe bei der Erhaltung der
Nahversorgung in Stadt und Land. Dabei geht es jedoch nicht nur um die Erhaltung des kleinen
Lebensmittelnahversorgers, sondern um viel mehr, was mit einer guten Lebensqualität in einer
Gemeinde oder Region zu tun hat.
Information
Was ist ein Biosphärenpark? Was bedeutet das für mich? Was bringt mir das überhaupt? Solche
Fragen wurden an verschiedenen Informationsveranstaltungen zu Projektbeginn beantwortet. Die
Bedenken vieler Landwirte vor Einschränkungen in der Bewirtschaftung mussten zerstreut werden,
Touristiker wollten erfahren, welchen Nutzen sie aus der Zertifizierung der Region zum
Biosphärenpark und den damit verknüpften Projekten ziehen können. Bereits im ersten Jahr der
Aufbauarbeiten wurde eine Broschüre erstellt, die Antworten auf die wichtigsten Fragen rund um das
Thema Biosphärenpark auf anschauliche Weise gab.
Projekte erfüllen eine Idee mit Leben..... – einige Beispiele
Das von der Talbevölkerung erarbeitete Leitbild ist ein Katalog voller Ziele für die nächsten Jahre. Nur
die Umsetzung kleiner Teilprojekte machen den Erfolg in kleinen Schritten sichtbar. Um den
Biosphärenpark auch für Gäste im Tal sichtbar zu machen, wurde ein eigenes Speisekartenblatt
kreiert, das im Speziellen für Speisen mit Produkten aus der Region verwendet wird. Ein kulinarischer
Austausch findet bereits mit dem NationalparkBiosphärenreservat
Neusiedler See statt: das Große Walsertal bezieht einen „BiosphärenparkWein“
– als Bereicherung für den schmackhaften Bergkäse – aus der burgenländischen Region. Für die
Zukunft ist geplant, auch den „Walserstolz“Bergkäse in der
Weinregion Neusiedler See zu vermarkten. Um den öffentlichen Verkehr zu fördern wurden einige
Mautstraßen im Großen Walsertal für den Individualverkehr geschlossen, auf diesen verkehrt nun seit
Sommer 2000 in Kooperation mit dem Vorarlberger Verkehrsverbund sowie einheimischen
Busunternehmen ein Wanderbus, der Besucher umweltfreundlich an ihre Wanderziele bringt.
Die verschiedenen „Blickwinkel“ ...
Bereits im Leitbild wurde festgeschrieben, dass sich die Bevölkerung ein talweites Infoblatt wünscht.
Seit Juli 2000 gibt es nun den Blickwinkel, der von einem Redaktionsteam aus dem Tal gemeinsam
mit der Biosphärenparkmanagerin alle zwei Monate veröffentlicht wird und über Neuigkeiten im und
um den Biosphärenpark berichtet.
Der „Walserstolz“ – Der Stolz der Walser ...
Die Walser Bauern haben sich zusammengetan, um gemeinsam
ihre Produkte, hauptsächlich Käse aus Rohmilch, zu vermarkten.
Mit ihrem eigenen Markenprodukt „Walserstolz“ Bergkäse ist es
ihnen gelungen, einen Milchpreis zu erzielen, der es ermöglicht,
die traditionelle Art der Landwirtschaft in diesem rauen
Berggebiet beibehalten zu können.
Impulsprojekt „Die köstliche Kiste“
„Die köstliche Kiste“ ist eine aus
heimischem Holz gefertigte Kiste, die mit kulinarischen Genüssen aus dem
Großen Walsertal gefüllt wird. Projektbeteiligte waren einige Bauern und
Bäuerinnen, die Sennereigemeinschaft sowie einige Tischler des Tales.
Umweltbildung
Eine wesentliche Aufgabe von Biosphärenreservaten ist die Umweltbildung. „Abenteuer Biosphärenpark“ sind
ökosoziale Natur-Erlebniswochen und -tage für Schulen, Familien und Gäste zu verschiedenen Themen im Großen
Walsertal.
Was sich die Region erhofft....
Das Gütesiegel der UNESCO kann einen Beitrag leisten,
international bekannter und dadurch auch attraktiver für
eine andere Art von Tourismus zu werden. Vermehrt sollen
Gäste mit qualitativ hochwertigen NaturErlebnis
Angeboten angesprochen werden. Langfristiges Ziel
der Region ist es, die Wertschöpfung im Tal zu steigern.
An Projekten und Ideen für die nächsten Jahre mangelt es nicht, das Leitbild wartet darauf, in vielen
kleinen Schritten umgesetzt zu werden. Wichtig wird es in Zukunft sein, den (anfänglichen)
Enthusiasmus der Promotoren, die Bereitschaft der Bevölkerung zur Mitarbeit sowie die Motivation der
Menschen im Tal, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen, aufrecht zu erhalten.
Autorin:
Mag. Birgit Reutz-Hornsteiner
Biosphärenparkmanagerin