Der Ausstoß der CO2-Emissionen stieg in USA zwischen 1990 und 1997 um weitere 10,7 % auf inzwischen 1,447 Mrd. Tonnen Kohlenstoff.
In Deutschland haben wir in den letzten Jahren einen rückläufigen Energieverbrauch erzielt, allerdings ausschließlich durch eine verbesserte Energieeffizienz in der Industrie und teilweise auch durch rückläufige Industrieproduktion in den neuen Bundesländern seit der Wende. Verkehr und Haushalte konsumieren unverändert steigende Energiemengen.
Entwicklung der CO2 Emission in Deutschland (in Mio t 1998)
Niemand kann derzeit mit letzter Sicherheit sagen, ob die beobachteten Änderungen des Klimas das befürchtete Ausmaß erreichen werden, und welcher Anteil an natürlichen Faktoren, und welcher Anteil an menschlicher Einwirkungen hierfür verantwortlich ist.
Der Mensch als Emittent von Treibhausgasen darf, das steht fest, keinesfalls als alleiniger Klimafaktor angesehen werden, doch kommt das internationale IPCC- Panel in seinem jüngsten Bericht zum Ergebnis, dass der Mensch als Verursacher für die derzeitige Entwicklung mit hoher Wahrscheinlichkeit die Hauptverantwortung trägt. Vergleicht man den Kurvenverlauf von Klimamodellen jeweils mit dem Einfluss natürlicher Faktoren, und alternativ mit dem Einfluss menschlicher Faktoren, dann stimmen die Kurven am besten überein, wenn man die beiden Einflussbereiche integriert.
Auch diese Feststellung weist darauf hin, dass nicht nur menschliche Einwirkung, sondern auch natürliche Einflüsse eine Rolle spielen.
Das Gewicht natürlicher Einflussfaktoren, etwa Veränderungen der ozeanischen Strömungsverhältnisse (namentlich der sog. El-Nino-Southern-Oscillation-Mechanismus, der explosive Vulkanismus oder die Sonnenaktivität, ist schwierig abzuschätzen und wird kontrovers diskutiert.
Dennoch gibt es eine Reihe von Erkenntnissen, die eine bessere Einordnung der Ursachen erleichtert.
Die durch den Treibhauseffekt bewirkte energetische Störung der Troposphäre (unteres atmosphärisches Stockwerk bis ca. 10 km Höhe) beträgt seit 1750 ca. 2,5 Watt pro Quadratmeter. Dagegen bringen die Änderungen des solaren Strahlungsflusses (durch Fluktuation der Sonnenaktivität) nur ca. 0,3 Watt pro Quadratmeter.
Unsicherheiten gibt es noch hinsichtlich gewisser Rückkopplungseffekte und Wolken- bzw. Aerosoleffekte, die jedoch weitgehend in den neuen Klimamodellen berücksichtigt werden.
Man kommt zum Ergebnis, dass sich seit 1860 die gemittelte bodennahe Lufttemperatur um rund 1° C erhöht hat, abzüglich dem im globalen Mittel kühlenden Effekt durch die ebenfalls anthropogenen, zusätzlichen Sulfataerosole (aus den Schwefeldioxid- Emissionen), sodass rechnerisch ca. 0,6 °C verbleibt. Dies steht in sehr guter Übereinstimmung mit dem beobachteten Messwerten.
(Quelle: C.D. Schönwiese et al, Deutsche Meteorologische Gesellschaft März 2001).
3. Was heißt dies für unsere Gesundheit und Sicherheit?
Klimaforscher, Mediziner und Biologen haben sich mit den gesundheitlichen Folgen einer Klimaänderung auseinandergesetzt. Hier stehen Fragen einer Störung der Nahrungsproduktion und Frischwasserversorgung, die Folgen von Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen oder Wetterkatastrophen, eine erhöhte Luftverschmutzung, lufttransportierte Allergene, die Zunahme von UV-Strahlung und Photooxidantien,. sowie vor allem eine Erhöhung der Infektionskrankheiten im Vordergrund.
Klimatische Faktoren beeinflussen in starkem Masse das Wachstum und die Verbreitung von Krankheitserregern oder Krankheitsüberträgern wie Zecken, Stechmücken oder Nagetiere. Die Fachleute gehen inzwischen davon aus, dass mit der Möglichkeit eines Wiederauftretens der Malaria auch in Mitteleuropa gerechnet werden muss. Verseuchtes Trinkwasser kann zu Erkrankungen wie Cholera führen.
Ohnehin sind in den Tropen und Subtropen insgesamt rund 40 - 50 % der Weltbevölkerung von Infektionserkrankungen wie Malaria oder Dengue - Fieber bedroht.
Steigende Erkrankungsraten werden in den letzten Jahren in unseren Breitengraden sowohl bei der gefürchteten Lyme- Borreliose, als auch bei der Frühsommer - Menningoenzephalitis, der sog. "Zeckenenzephalitis", registriert. Der Anteil des Klimas auf diese Entwicklung ist allerdings noch keineswegs geklärt.
Auf die hier angesprochenen Zusammenhänge hat u. a. anlässlich einer kürzlich in der Schweiz durchgeführten Klimakonferenz auch Prof. Nino Künzli vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Basel schon hingewiesen.
Nachstehend einige epidemiologische Daten der Universität Bonn und des Gesundheitsamtes Baden Württemberg. Es handelt sich hierbei um die Entwicklung der Frühsommer-Meningoenzephalitis in verschiedenen Ländern Europas. Hierzu habe ich beispielhaft Daten aus Deutschland, der Schweiz und beispielhaft für Russland ausgewählt. Ähnliche Tendenzen zeigen sich in den meisten anderen europäischen Ländern, zum Beispiel in Lettland.
Entwicklung der FSME - Deutschland
Meerkamp van Embden
ALPENFORUM 2001 nach Uni Bonn, 2001
Entwicklung der FSME - Schweiz
Meerkamp van Embden
ALPENFORUM 2001 nach Uni Bonn, 2001
Entwicklung der FSME - Russland
Meerkamp van Embden
ALPENFORUM 2001 nach Uni Bonn, 2001
Entwicklung der FSME - Lettland
Meerkamp van Embden
ALPENFORUM 2001 nach Uni Bonn, 2001
Es gibt deutliche Hinweise, dass eine weitere Zunahme der Erkrankungen in den meisten untersuchten Ländern zu verzeichnen ist. Der bisherigen Höhepunkt der FSME-Erkrankungen in Deutschland wurde 2004 registriert. Nur in Österreich sind FSME-Erkrankungen in den letzten Jahren rückläufig, was auf eine intensive Impfprophylaxe zurück geführt wird.
Inwieweit sich die Tendenz einer Zunahme der FSME-Erkrankungen fortsetzt, und welchen Einfluss in diesem Zusammenhang den klimatischen Faktoren zuzuschreiben ist, bedarf einer sehr sorgfältigen Beobachtung.
Es kann kaum mehr ein Zweifel daran bestehen, dass die Klimaänderung der letzten Jahrzehnte auch die Art und den Umfang naturbedingter Katastrophen massiv beeinflusst.
Besonders nachdenklich stimmt in diesem Zusammenhang die Statistik jener Institutionen, die von Hause aus an sorgfältiges Rechnen gewöhnt sind, nämlich den Versicherungsgesellschaften.
Die Münchner Rück, weltweit führend bei der Dokumentation von Katastrophen, fand im Vergleich zu den 60er Jahren in den letzten 10 Jahren eine Verdreifachung des Umfangs naturbedingter Katastrophen. Der wirtschaftlicher Verlust stieg dabei von 71 Mrd. $ 1960 - 1969 auf 608 Mrd. $ zwischen 1989 und 1999.
Naturkatastrophen 1960 – 1999
(Vergleich im 10 –Jahres- Intervall)
Meerkamp van Embden
ALPENFORUM 2001 nach Loster, Münchner Rück 2000
Einen ähnlichen Verlauf nimmt die Höhe der Versicherungsschäden.
Naturkatastrophen 1960 – 1999
(Vergleich im 10 –Jahres- Intervall)
Meerkamp van Embden
ALPENFORUM 2001 nach Loster, Münchner Rück 2000
Ein besonderes Kapitel stellt hier die sogenannte Präzipitation dar, also Regen- oder Schneefälle. Unter den jüngeren Naturkatastrophen in Europa ist an die Winterstürme "Daria", "Herta", "Vivian" und "Wiebke", alle 1990, und an die Winterstürme Anatol, Lothar und Martin, alle 1999 zu erinnern. Eine besonders unglückliche Rolle spielte hierbei Sturm Lothar. Er richtete vor allem in den Alpengebieten verheerende Sturmschäden an, der forstwirtschaftliche Gesamtverlust wird allein á Konto Lothar auf 11 Mrd. US $ veranschlagt.
In der Schweiz trugen vor allem die Folgen von Sturm Lothar wesentlich zu einer sehr viel intensiveren Auseinandersetzung mit den derzeit beobachteten klimatischen Veränderungen und außerdem zu einer Neubewertung der schweizerischen Forstpolitik bei.
Man muss sich darüber im klaren sein, dass eine Temperaturerhöhung um nur 1 °C die Speicherkapazität von Wasserdampf in der Atmosphäre um 6 % erhöht. Sintflutartige Regenfälle großer Heftigkeit können selbst bei kurzer Dauer die größten Schäden anrichten.
Zahlreiche bereits vorliegende Studien belegen die Zunahme von Überschwemmungen als Folge von schweren Regenfällen einerseits oder einem Anstieg des Meeresspielgels andererseits, und kann Millionen von Menschen und deren Niederlassungen treffen.
Für den hiesigen Raum ist deshalb nicht etwa nur die Gesamtmenge der Niederschläge an sich, sondern vor allem deren Intensität, Häufigkeit und die Wassermenge pro Stunde im Hinblick auf erhöhte Folgeschäden, namentlich Hochwasser, in alpinen Regionen zusätzlich die Lawinenabgänge oder Muren von größter Bedeutung.
Die Versicherungsgesellschaften sind hier mit einem enorm schwierigen Problem konfrontiert: Wie sollen Risiken dieser Art und dieser Größenordnung abgedeckt werden? Die gewaltige Zunahme von gesamtökonomischen und versicherungstechnischen Verlusten durch Naturkatastrophen in den letzten Jahrzehnenten hat zu einem vollständigen Umbruch der Bewertungsansätze im internationalen Versicherungswesen geführt, dessen Ergebnis derzeit noch völlig offen ist.
Es gibt aber auch die Möglichkeit positiver Auswirkungen, vor allem in nördlicheren Breitengraden vor allem dann, wenn sich die Temperaturerhöhung auf wenige Grad Celsius beschränken sollte:
- Es kann in solchen Fällen mit einer Erhöhung der landwirtschaftlichen Erträge in einigen Regionen gerechnet werden, ebenso mit einem verstärkten Wachstum von Forstbeständen
- Die Trinkwassersituation kann sich in einigen Regionen verbessern, u.a. in Südostasien
- Die Wintermortalität in mittleren und nördlichen Breitengraden kann sinken, ebenso der Energiebedarf für Heizzwecke im Winter
Ein weiterer Aspekt, der bislang nur unzureichend untersucht worden ist, betrifft den ganzjährig gefrorenen Unterboden, den sogenannten Permafrost, in Höhenlagen von durchschnittlich 2500 m aufwärts. Steigt die mittlere Jahrestemperatur, steigt auch die Permafrostgrenze nach oben. Dies kann nachweislich zur Lockerung der Bodenstruktur führen und damit die Gefahr von Felsrutschungen, Muren oder Lawinenabgängen zusätzlich erhöhen.
Es ist eigentlich bedauerlich, dass man auch im deutschen und österreichischen Alpenraum diesem Phänomen erst vergleichsweise spät Aufmerksamkeit zu schenken beginnt. Bereits 1963 organisierte die International Permafrost Association IPA die erste internationale Permafrostkonferenz in USA, es folgten weitere in Sibirien, Kanada, Alaska, Norwegen, China und 1998 erneut Kanada.
Erst im kommenden Jahr 2003 ist ein europäisches Alpenland, nämlich die Schweiz, Gastgeberin der nächsten Konferenz dieser Art.
Es gibt hier erhebliche Wissensdefizite, vor allem dort, wo Bergbau, industrielle, touristische oder militärische Vorhaben anstehen oder bereits betrieben werden. Die vergleichsweise spärliche deutsche Forschung auf diesem Gebiet konzentriert sich auf das Projekt Mattertal in den Schweizer Alpen durch die Universität Giessen und im Zugspitzgebiet durch eine Kooperation der Universitäten Heidelberg und Jena. Ansonsten werden Forschungen im Hinblick auf Veränderungen des Permafrost überwiegend in arktischen, dagegen kaum in alpinen Regionen, ausgeführt.
Die möglichen, sehr ernsten Folgen einer Veränderung der Permafrostgrenze sind vom österreichischen Glaziologen Univ.-Prof. Lieb am Beispiel der Nordostflanke der Weißsee- Spitze in den Ötztaler Alpen beschrieben worden, wo bereits im Winter 1996/97 durch Abschmelzen des Permafrost- Untergrundes eine riesige Felspartie samt dem auflagerndem Firn- und Gletschereis mit mehreren Millionen Tonnen in Bewegung geriet. Ähnliche Vorkommnisse in erschlossenen Hochgebirgsregionen mit entsprechendend touristischen Infrastrukturanlagen sind jederzeit möglich.
4. Gletscherfreie Hochgebirge?
Sichtbarstes Zeichen dieser klimatischen Veränderung sind die Gletscher selbst, und zwar nicht nur bei uns, sondern weltweit. Der von Hemingway in seinem berühmten Roman Schnee am Kilamanjaro beschriebene höchste Berg Afrikas verliert seine Gletscherkappe derart rasant, dass sie nach neuesten Messungen bereits in 15 Jahren völlig verschwunden sein wird. Bereits jetzt hat sie seit der letzten Vermessung von 1912 82% ihres Volumens verloren. Noch schneller schmilzt der Gletscherrücken der Anden. Quori Kalis in den peruanischen Anden hat sich allein in den letzten 3 Jahren um jährlich 508 Fuß verkürzt. Das ist 33 mal schneller, als während der letzten Messungen zwischen 1963 und 1978.
Wir brauchen aber gar nicht so weit zu schauen. Vor unserer eigenen Haustüre, in den Alpen, müssen wir din den letzten Jahrzehnten mit einem Rückgang der Gletscherfläche um 30 % und des Volumens um 50 % registrieren.
Beispielhaft seien hier zwei Aufnahmen des Rhonegletschers gezeigt, einmal 1870 und dann 1970.
Rhonegletscher 1870 und 1970
Vom Rainbachkiesgletscher ist wenig übriggeblieben.
Rainbachkies
nach Kuhn 2001
Der frühere Gletscher an der Napfspitze ist inzwischen völlig verschwunden.
Napfspitze
nach Kuhn 2001
Wie Prof. Lieb von der Universität Graz errechnet hat, hätte der Wasserverlust zwischen 1850 und 1997 allein aus zwei kleinen Kar-Gletschern in den österreichischen Alpen, dem Gösnitz- und Hornkar, gereicht, den halben Ossiachersee mit Frischwasser aufzufüllen.
Damit verbunden sind Veränderungen, die bereits durch zahlreiche Beobachtungen und Studien belegt sind, so beispielsweise:
- Späteres Einfrieren und früheres Auftauen von Eis auf Flüssen und Seen
- Verlängerung der Vegetationsperiode in mittleren Höhenlagen
- Veränderungen des Pflanzenbewuchses in Richtung Pol und höheren Lagen
- Teilweiser Rückgang bestimmter Spezies
- Frühere Baumblüte
- Stärkeres Insektenwachstum
- Intensivere Brut bei bestimmte Vogelarten
5. Einfluss auf das nördliche Polareis
Bemerkenswert sind die jüngeren Veränderungen des über dem Nordpol schwimmenden Polar- Eises: die durchschnittliche herbstliche Eisdicke ist dort innerhalb der letzten 30 Jahre von 3,1 auf 1,8 m zurückgegangen, also um 40 %. Hält dieser Trend an, dann ist das arktische Meereseis im Sommer bald vollständig geschmolzen.
Hierzu ist festzustellen, dass ähnliche Entwicklungen in der Antarktis beobachtet werden, wie zum Beispiel am westantarktischen Eisschild.
Seit 2002 hat die Antarktis nach Messungen von US-Forschern jährlich bis zu 150 Kubikkilometer Eis verloren - das entspricht dem 50-fachen Wasserverbrauch der Zehn-Millionen-Metropole Los Angeles. (Quelle: T-online 2006)
Die hier skizzierten Veränderungen können weitreichende Auswirkungen auf den Strahlungs- und Wärmehaushalt, sowie auf den Verlauf der Meeresströmungen haben. Eine der wichtigen Gründe: Der arktische Ozean entwickelt sich, physikalisch gesehen, von einem weißen Reflektor mit 80 % Rückstrahlung zu einem Wärmekollektor mit 90 % Sonnenenergieaufnahme.
Dies hat Konsequenzen!
Es verändert sich damit automatisch
- die kontinentale Wasserbilanz und
- die sogenannte Albedo, also das Reflektionsvermögen der Erdoberfläche.
Solche sekundären Veränderungen sind oft viel entscheidender als die direkte Erwärmung an sich! Zu den damit ausgelösten maritimen Veränderungen zählen:
- Stürme und Überschwemmungen einerseits, Trockenheit andererseits
- Zerstörung der Korallenriffe
- Anstieg der Erkrankungsrate maritimer Lebewesen
- Zerstörung von Landmasse , Lebensraum und terrestrischen Ökosystemen durch Anstieg des Meeresspiegels
- Veränderungen des Fischbesatzes (maritime Aquifauna)
Problematisch sind diese Veränderungen auch für die klassischen Langstreckenflieger unter den Vögeln. Wenn die Polarkappen weiter abschmelzen und die Meeresspiegel ansteigen, werden Marschgebiete, Tundren und Wattlandschaften im Wasser verschwinden und die Tiere finden dann immer weniger Rastplätze. Darüber hinaus rechnen Wissenschaftler mit der Versteppung und Wüstenbildung ganzer Landstriche.
Die Marathonflieger können sich nur schwer an die veränderte Situation anpassen. Damit es die Vögel schaffen, Sahara und Mittelmeer zu überqueren, ist beispielsweise die Distanz der zu bewältigenden Flüge sehr genau im Erbgut der Langstreckenflieger gespeichert. Kleinste Abweichungen können den Tod bedeuten.
(Quelle: Weltwoche Nr. 16 vom 19. April 2001).
Fassen wir die bisherigen Überlegungen und Erkenntnisse zusammen, so ergibt sich folgendes Bild: Der Klimawandel hat direkte, aber auch weitreichende indirekte Folgen für den Menschen, die Umwelt und unseren gesamten Naturhaushalt. Die Ursachen dieser Veränderungen sind sowohl natur- als auch anthropogen bedingt, wobei dem Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit die Hauptverantwortung zukommt.
Die härtesten Konsequenzen, darin sind sich die Wissenschaftler einig, trifft die ärmsten Länder im Süden, vor allem in den Tropen und Subtropen. Armut und Klimawandel verursachen demnach einen doppelt negativen Effekt. Diese zu erwartenden Konsequenzen hat das International Panel on Climate Change detailliert auf der Grundlage statistischer Plausibilität zusammengetragen. Die wichtigsten globalen Folgen (nach Angaben der Wissenschaftler mit hoher Wahrscheinlichkeit, high confidence) lauten im Originaltext:
a)
- Higher maximum temperatures, more hot days and heat waves over nearly all land areas
- Increased evidence of death and serious illness in older age groups and urban poor
- Increased heat stress in livestock and wildlife
- Shift in tourist destinations
- Increased risk for damage to a number of crops Increased electric cooling demand and reduced energy supply reliability
b)
- Higher (increasing ) minimum temperatures, fewer cold days, frost days and cold waves over nearly all land areas
- Decreased cold-related human morbidity and mortality
- Decreased risk of damage to a number of crops, increased risks to others
- Extended range and activity of some pest and disease vectors
- Reduced heating energy demand
c)
- More intense precipitation events
- Increased flood and landslide, avalanche and mudslide damage
- Increased soil erosion
- Increased flood run off, recharge of some flood plain aquifers
- Increased pressure on government, private flood insurance systems and disaster relief
Weitere, als "likely" eingestufte Konsequenzen sind:
- Risk of drought
- Increased damage to building foundations caused by ground shrinkage
- Increased risk of forest fire
- Decreased water resource quantity and quality
- Increased risk of life, infectious disease, epidemics, tropical cyclone wind peak intensities, precipitation peak intensities
- Decreased agricultural productivity in drought and flood-prone regions
- Decreased hydro-power potential in drought prone regions
(Quelle: Table SPM-1 ; IPCC WG 2 ; Third Assessment Report, 19. Febr. 2001)
In Bezug auf die spezielle Situation in Europa kommt das IPCC zu folgender Einschätzung der zu erwartenden Entwicklung:
- Southern Europe and the European Arctic are more vulnerable than other parts of Europe.
- Summer run-off, water availability and soil moisture are likely to decrease in Southern Europe
- Half of Alpine glaciers and large permafrost areas could disappear by the end of the 21 st century (Medium confidence)
- River flood hazard will increase across much of Europe (medium to high confidence),
- in coastal areas, the risk of flooding, erosion, and wetland losses will increase substantially with implications for human settlements, industry, tourism, agriculture and coastal natural habitats
- Upwards and northward shift of biotic zones will take place ; loss of important habitats would threaten some species (high confidence)
- Higher temperatures and heat waves may change traditional summer tourist destinations and less reliable snow conditions may impact adversely on winter tourism (medium confidence)
- Positive effect on agriculture in northern Europe, productivity will decrease in Southern and eastern Europe (medium confidence)
Ich würde an dieser Stelle gerne noch einige zusätzliche Feststellungen einbringen, die den Alpenraum im engeren Sinn hautnahe berühren. Es sind dies Ergebnisse von Untersuchungen an den österreichischen und schweizerischen meteorologischen Forschungszentren in Wien, Zürich und Graz:
Während die Temperatur im letzten Jahrhundert im globalen Mittel um etwa 0,6°C gestiegen ist, stieg die Temperatur In Europa im selben Zeitraum um etwa 0,8°C, in den österreichischen Alpen aber um 1,8°C, wobei alle Höhenlagen betroffen sind.
In der West- und Nordostschweiz wurden bis zu 40 % Niederschlagszunahme in Winter analysiert. Im südalpinen Raum ist dagegen eher ein Rückgang der Niederschlagsmengen festzustellen.
Die Untergrenze des Permafrost - Bereiches ist in den letzten 100 Jahren in der Schweiz um ca. 150 bis 250 m gestiegen. Die Temperaturzunahme ist dabei bis in 80 m Tiefe erkennbar. Skilifte oder Lawinenverbauungen, die in diesen Böden verankert sind, verlieren an Stabilität. Es wird geschätzt, dass im Hochwasserjahr 1987 in den gesamten Alpen etwa 50 % aller Gerinnenmurengänge von ehemaligen Permafrost- oder Gletschergebieten ausgegangen sind.
Die Frage, ob der Niederschlag als Schnee oder als Regen anfällt, und wie sich hierbei die Schneefallgrenze nach oben verschiebt, spielt sowohl unter ökologischen als auch ökonomischen Gesichtpunkten (Wintersport!) im Alpenraum eine zunehmende Rolle. Die Ermittlung von Szenarien für den alpinen Raum ist wegen der ausgeprägten Topographie besonders schwierig.
Für das Corvatsch-Furtschallas Gebiet in der Schweiz wurde berechnet, dass in etwa 100 Jahren bei 3° Erwärmung 70% des Permafrost - Gebietes aufgetaut sein wird, und die Gletscher völlig verschwunden sein werden. Die Gleichgewichtslinie der Gletscher wird um 150 bis 350 m ansteigen und die Permafrostgrenze um 200 bis 750 m.
Wirtschaftlich von besonderer Bedeutung ist der Rückgang der Andauer der Schneedecke: bis in etwa 1500 m Höhe muss man bei Temperaturzunahmen um 1-2°C mit einem Rückgang um 20 bis 40 Tage rechnen.
6. Umfassende Klimapolitik gefordert.
Klimaschwankungen sind nichts Neues, es gibt sie, solange es die Erde gibt. Der heutige Umfang der Klimaänderung allerdings geht offenbar über alle berechneten Schwankungen seit der letzten Eiszeit hinaus. Es verdichten sich die Hinweise mehr und mehr, dass die derzeitige Veränderung des Klimas nicht nur natürlichen Ursprungs ist, sondern vom Menschen stark beeinflusst wird.
Die Wissenschaftler warnen seit Jahren immer und immer wieder vor den unabsehbaren Folgen dieser Entwicklung. Diese Warnungen nicht zu überhören, ist Aufgabe unserer Gesellschaft als Ganzes, und heute aktueller dann je zuvor.
Es gab begrüßenswerte Ansätze für eine zukunftsorientierte Klimapolitik, namentlich in Kyoto, aber die seither erzielten Fortschritte sind ernüchternd. Zeitweise drohte das internationale Verhandlungskarussell völlig zusammenzubrechen, in Bonn stiegen die Amerikaner gänzlich aus dem Kyoto-Protokoll.
Auf der jüngsten Weltklimakonferenz in Marakesch im vergangenen November haben sich die Unterhändler der mehr als 160 vertretenen Staaten auf einen Kompromiss unter Leitung des Belgiers Vincent Georis geeinigt. Die Kohlenstoffemissionen sollen bis 2012 um 5,2% des Wertes von 1996, also um knapp 20 % weniger C02. gesenkt werden. Australien, Japan, Russland und Kanada weigerten sich, 5 Streitpunkten des Dokuments zuzustimmen, die USA fielen bekanntlich ganz aus dem Vertragsprotokoll.
Streitpunkte waren die Kohlenstoffemissionen und die Anrechnung von Wald- und Weidegebieten (Russland), die Kontroll- und Strafmöglichkeiten (Japan), sowie der Verkaufswert von Emissionslizenzen (Australien). Die Verhandlungen über die Konkretisierung dieser Punkte dauern derzeit noch an.
Die Entwicklung, meine Damen und Herren, ist nicht stehen geblieben. Heute geht es nicht nur darum, im Sinne einer präventiven Klimapolitik den von uns selbst verschuldeten Anteil an dieser Entwicklung zu begrenzen. Es geht also nicht nur darum, den Ausstoß klimarelevanter Treibhausgase, wie etwa Kohlendioxid, Methan, Stickoxide, Sulfat oder fluorierte Kohlenwasserstoffe aus dem Verkehr, aus der Industrie oder aus unseren Haushalten auf ein vertretbares Maß zu mindern.
Vielmehr besteht auf ganz anderen Gebieten ein mindestens ebenso großer Handlungsbedarf! Eine im Auftrag des US-amerikanischen Kongresses erstellte Studie hat die voraussichtlichen Konsequenzen der Klimaänderung für das Gebiet der Vereinigten Staaten untersucht. Das Ergebnis bestätigt eindrucksvoll den präventiven Handlungsbedarf, namentlich zum Schutz der Küsten und zur Sicherung der Trinkwasserversorgung. Auch in Großbritannien ist eine entsprechende Studie erarbeitet worden, deren erste Ergebnisse inzwischen veröffentlicht wurden.
Auch hier spielen Überlegungen zur Sicherung des Frischwasserhaushaltes und zum Schutz vor Überschwemmungen eine dominante Rolle. Die in dieser britischen Untersuchung veranschlagten Kosten liegen allein für den Schutz vor Überschwemmungen bei jährlich 100 bis 500 Millionen Pfund Sterling.
Solche Untersuchungen sind aus unserer Sicht in Deutschland, Zentraleuropa und natürlich für den gesamten Alpenraum genau so zwingend erforderlich, damit die politischen Entscheidungsträger die technischen, wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen und den daraus sich ergebenden Handlungsbedarf besser abschätzen können.
Wir als ALPENFORUM wollen einen Beitrag dazu leisten, die öffentliche Meinung für die Notwendigkeit einer solchen, umfassenden Klimapolitik zu sensibilisieren.
7. Wo liegt der Handlungsbedarf?
Hierzu müssen präzise Fragen gestellt werden, deren Beantwortung auf Grund unseres lückenhaften Wissens oft sehr schwierig sein wird. Fast immer aber werden die ehrlichen Antworten unbequem sein. Zu solchen Fragestellungen gehören beispielsweise:
- Was bedeutet die Klimaänderung im Hinblick auf den Tourismus vor allem Hinblick auf die Situation in Deutschland und den enorm wichtigen Tourismus im Alpenraum, auf eine sinnvolle Tourismusstrategie und auf eine entsprechend vorausschauende Raumplanung und Infrastrukturpolitik?
- Wie soll ein Frühwarnsystem und ein wirkungsvolles Katastrophenmanagement bei Überschwemmungen, oder speziell im Alpenraum im Umgang mit Lawinen, Muren und aussehen?
- Allein in Österreich werden über eine Milliarde Schilling jährlich für die Wildbach- und Lawinenschutzverbauung ausgegeben. Aber nicht wenige Fachleute fragen sich, ob die jährlich hierzu erstellte Kosten-Nutzen Bilanz tatsächlich das Resultat einer erfolgreichen Präventionspolitik darstellt.
Die Problematik sei hier kurz erläutert: Der kumulierte Investitionsaufwand der Schutzkonstruktionen beispielsweise in Österreich wird auf 130 Mrd. Schillinge geschätzt. Da die Anlagen altern, nimmt ihre Schutzwirkung ab. Nimmt man eine Lebensdauer von 100 Jahren für die Konstruktionen an, dann bedeutet dies 1,3 Mrd Schillinge pro Jahr, nur um die Schutzwirkung auf dem gegenwärtigen Stand zu halten. Dieser Aufwand beinhaltet also noch keinerlei Investition für erhöhte Risiken. Im Licht solcher Überlegungen muss die derzeitige, eher reaktive Präventionspolitik Im alpinen Katastrophenmanagement wohl mit einem kritischen Fragezeichen gesehen werden.
- Welchen Einfluss haben steigende Temperaturen auf die alpine Fauna und Flora, die Bodenstruktur, die Land- und Forstwirtschaft?
- Welche gesundheitspolitischen Maßnahmen sind erforderlich, um klimabedingte Gefährdungen zu begrenzen?
Die aus meiner Sicht entscheidende Frage lautet allerdings: Was bedeutet die Klimaentwicklung für den europäischen Wasserhaushalt?
Diese Frage haben wir im ALPENFORUM bereits 1998 in Österreich in unserem Symposium "Wasser; Flüssiges Gold der Alpen" angeschnitten. Es geht, meine Damen und Herren, um die enorme Menge von 200 Milliarden Kubikmeter Frischwasser jährlich aus unseren alpinen Gletschern, die mit Abstand bedeutendste Trinkwasserreserve Zentraleuropas. Ein möglicherweise weitgehender, von Klimaforschern der Vereinten Nationen prognostizierter Verlust der alpinen Gletschermaßen innerhalb der nächsten 8 Jahrzehnte würde automatisch zum weitgehenden Verlust dieser für Europa lebenswichtigen Wasserzufuhr führen.
Für Deutschland stellt sich die Frage nach Überschwemmungskatastrophen und den damit vor allem in den letzten Jahren massiv auftretenden Milliardenverlusten.
Auf die in diesem Zusammenhang ganz entscheidende Frage der Energiepolitik möchte ich an dieser Stelle nicht ausführlicher eingehen, da hier bereits Weichenstellungen, nicht zuletzt auf Grund der Klimakonvention, grundsätzlich vorgezeichnet sind.
Es sei hier lediglich an einige Forderungen erinnert, die im Interesse eines sinnvolleren Energieeinsatzes seit Jahren diskutiert werden, beispielsweise
- Förderung einer energiesparenden Mobilität
- Verlagerung des Gütertransports von der Strasse auf die Schiene
- Entwicklung energie-effizienterer Antriebssysteme, z. B. Hybridautos
- Energie-effizientere Entwicklung im Beleuchtungs- und Heizungswesen, sowie bei Haushaltsgeräten
- Intensivere Nutzung von Holz als hochleistungsfähiger, energie-effizienter Werkstoff.
Zusammenfassend besteht aus Sicht des ALPENFORUM im Hinblick auf eine zukunftsorientierte Klimapolitik für die Alpen u. a. folgender prioritärer, klimarelevanter Handlungsbedarf in Ergänzung zu bereits bestehenden Maßnahmen:
-
KLIMAFORSCHUNG UND WASSERHAUSHALT
- Hydrologische Untersuchungen und Modellrechnungen im Hinblick auf einen veränderten Wasserhaushalt innerhalb der nächsten Jahrzehnte.
- Differenzierte Messung und Prognostik der Intensität, Frequenz und stündliche Menge von Niederschlägen
-
BODENKUNDE, ÖKOLOGIE, RAUMPLANUNG UND SICHERHEITSSTRATEGIE
- Intensivierung relevanter Bodenuntersuchungen, Überprüfung einer möglichen Destabilisierung durch Veränderung der Permafrostgrenze oder durch andere Ursachen
- Überwachung (Monitoring) von Veränderungen bei Fauna- und Flora
- Verschärfung der Sicherheitszonen in Bergregionen im Bereich der Bebauung
- Kritische Überprüfung der Kosten-Nutzenbilanz im Bereich der Sicherheits- und Präventivstrategie, im Alpenraum namentlich bei der kostenintensiven Wildbach- und Lawinenverbauung.
- Flächendeckende Erstellung von Klimakarten im Maßstab 1:50 000
- möglicherweise Gründung eines Kompetenzzentrum Klima und Sicherheit, so wie dies beispielsweise Prof. Stötter und seine Kollegen von der Universität Innsbruck angeregt haben.
- Eine integrierte und konsequent umgesetzt Raumordnungspolitik.
-
GESUNDHEITSWESEN
- Überwachung (Monitoring) insektenbedingter Infektionserkrankungen und anderer klimarelevanter Gesundheitsschäden in Bergregionen.
-
TOURISMUSSTRATEGIE UND VERKEHR
- Ausarbeitung und Umsetzung sinnvoller Angebote für eine zeitlich und inhaltlich besser strukturierte, nachhaltig orientierte Tourismus- und Verkehrspolitik im In- und Ausland
8. Sind wir machtlos?
Erlauben Sie mir abschließend eine grundsätzliche Anmerkung: Aus meiner Sicht sind bestehende Unsicherheiten hinsichtlich der weiteren Klimaentwicklung und das Fehlen einer absolut belastbaren Klimaprognose kein Grund zu Resignation.
Fehlendes Wissen darf nicht mit fehlendem Handlungsspielraum verwechselt werden!
Ein ermutigendes Beispiel für ein konstruktives Vorgehen ist "Climate Facts", eine von der Schweizer Regierung geförderte Informationsplattform Klimawandel in der Schweiz.
In 15 Teilprojekten arbeiten Fachleute aus den Naturwissenschaften, der Ökonomie und der Sozial- und Politikwissenschaften an der Überprüfung und Beantwortung möglicher Folgen des Klimawandels. Der Bürger wird über die einzelnen Ergebnisse ausführlich informiert und kann seine eigenen Überlegungen und Entscheidungen entsprechend besser einordnen.
Unser Handeln, meine Damen und Herren, wird keineswegs nur durch eine legislative und exekutive Elite oder gar im luftleeren Raum anonymer Entscheidungsträger bestimmt. Vielmehr beginnt der Handlungsspielraum zunächst einmal beim Einzelnen, in der Gemeinde, in der Stadt, im Bezirk, im Land. Das Ergebnis ist letztlich die öffentliche Meinung, und diese hat unbestritten einen erheblichen Einfluss.