Literaturbestellung

Chancen und Risiken des Mittelstandes in den Alpenländern
Einführung in die Thematik
(leicht gekürzte und überarbeitete Fassung)

Der Mittelstand ist das Rückgrad der Wirtschaft schlechthin. Er umfasst nach heutigen Vorstellungen Inhaber gewerblicher, kaufmännischer und landwirtschaftlicher Klein- und Mittelbetriebe, Beamte, Freiberufler (Ärzte, Rechtsanwälte, Journalisten u.a.) sowie Angestellte in Handel und Industrie, also ein sehr breites Spektrum unserer Wirtschaft.

Damit stellen sich eine Reihe von Fragen, deren Beantwortung zur Beurteilung der Chancen und Risiken der mittelständischen Wirtschaft in den Alpen entscheidende Bedeutung hat:

War die traditionelle Wirtschaftsweise im Alpenbereich vor etlichen Jahrzehnten noch durch einen hohen Selbstversorgungsgrad charakterisiert, so hat sich diese Situation inzwischen gründlich geändert. Heute ist jeder zweite der rund 11 Millionen Alpenbewohner vom Tourismus abhängig.

Neben den unbestreitbaren Sonnenseiten einer solchen Situation ist andererseits die offenkundige Abhängigkeit von einem einzelnen Wirtschaftszweig Anlass zur Sorge. Besonders deutlich wird dies in einer Zeit stagnierender Wirtschaftsentwicklung wie wir sie derzeit immer wieder beklagen müssen.

Eine der Konsequenzen aus dieser Sachlage ist in einer kürzlichen Diskussionsrunde des Senatsarbeitskreises Wissenschaft und Verantwortlichkeit der Universität Innsbruck zum Generalthema Tourismus im Alpenbereich auf den Punkt gebracht worden: ein Wachstum in diesem Wirtschaftszweig wird es nicht mehr über die Quantität, sondern nur noch über die Qualität des Angebots geben.

Heinrich von Moltke, 1995 amtierender Generalsekretär für Fremdenverkehr der Europäischen Kommission in Brüssel, hat hierzu anlässlich der Eröffnung der Tourismusmesse in Frankfurt am Main ausgeführt: "die wichtigste Forderung an eine Touristikpolitik sollte sein, dass nur erlaubt ist, was von Natur und Gesellschaft getragen werden kann." - Zitat Ende.

Damit stellt sich die Frage nach anderen Möglichkeiten und Schwerpunkten einer Mittelstandsentwicklung. Im Vordergrund der Überlegungen stehen hier Bereiche des Dienstleistungssektors, das Handwerk, mittelständische Industrieunternehmen und der leider allzu häufig stiefmütterlich behandelte Bildungssektor.

Die grössten Erfolgschancen werden jene Initiativen haben, denen es gelingt, Innovationsfähigkeit mit einer sinnvollen Marktnischenstrategie zu verbinden.

Für den Alpenraum brauchen wir keine Kopie der Entwicklung industrieller Ballungsgebiete, sondern eine gesunde Innovation in Marktnischen.

Das Innovationspotential umfasst ein breites Spektrum denkbarer Möglichkeiten. Anspruchsvolle Marktnischen bestehen beispielsweise bei der Einrichtung von Computer-Service-Zentren, bei Telearbeitsplätzen, z.B. im Bereich der Raum- und Siedlungsplanung, bei technisch ausgeteilten ökologisch sauberen Fertigungsbereichen, etwa im expandierenden Freizeitmarkt, bei der Video-, Licht- und Vertonungstechnik, und, wie bereits angedeutet, im Bildungssektor, etwa im Bereich der alpinen Strukturforschung, um nur einige Stichworte zu nennen.

Es unterliegt kaum einem Zweifel, dass die weitere Entwicklung der mittelständischen Wirtschaft im Alpenbereich von der nationalen und europäischen Verkehrspolitik erheblich beeinflusst wird. Hierbei sind brisante Unterschiede der jeweiligen nationalen Interessenslage erkennbar. Es kann nicht überraschen, dass im Rahmen der Alpenkonvention hinsichtlich des Verkehrsprotokolls immer noch keine Einigkeit besteht und der Dissens als Folge nationaler Partikularinteressen immer noch nicht ausgeräumt ist.

Im Kernpunkt geht es hier um die Frage eines möglichen Baus weiterer hochrangiger alpenquerender Transitstrassen. Es ist hier dem früheren österreichischen Bundespräsidenten Dr. Thomas Klestil zuzustimmen, der den Bau weiterer alpenquerender Transitautobahnen nicht als zukunftsverträgliche Lösung bezeichnete und statt dessen die Umsetzung sinnvoller Verkehrskonzepte forderte.

Beispiele hierfür sind das Huckepack-Konzept der Bayerischen Trailor Gesellschaft mbH, München, mit Sattelauflegern, die sowohl auf der Schiene als auch auf der Strasse transportiert werden können, und vor allem das innovative Gütertransport-Konzept der Simssee Transport im oberbayrischen Hemhof.

Ein weiteres langfristig angelegtes Projekt ist die Eisenbahntransversale NEAT mit jeweils 2 Tunnelröhren für den Sankt Gotthard und den Lötschberg. Diskutiert wird auch das Konzept einer neuen Eisenbahnlinie zwischen München und Verona, für die sich der Südtiroler Landeshauptmann, sowie seine Kollegen in Tirol und Trient ausgesprochen haben.

Ein weiteres Beispiel ist die Aktivierung des Tälerbuskonzeptes, wie es z.B. im benachbarten Lungau und im Murtal bereits mit Erfolg angelaufen ist.

Ganz und gar nicht im Interesse einer nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung ist dagegen das immer wieder aufs neue diskutierte Projekt der Alemagna-Autobahn, die vom Raum Venedig gegen Süd- und Osttirol voran getrieben wird. Frühere Planungen sahen vor, dass die Alemagna auf ihrem Weg von Venedig nach München durch das Zillertal geführt werden sollte. Heute sehen sich vor allem Süd- und Osttirol von einer solchen Entwicklung bedroht. Österreich lehnt dieses Projekt zu Recht ab.

Für den alpenländischen Mittelstand ist die Frage der weiteren Entwicklung der Land- und Forstwirtschaft von zentralem Interesse. Der keineswegs als Pessimist geltende Alpenforscher Univ.-Professor Dr. Bätzing prognostiziert einen völligen Zusammenbruch der alpinen Landwirtschaftsstrukturen innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte, falls es nicht gelingt, rechtzeitig dezentrale Strategien zu entwickeln, die das vorhandene tradierte Agrarpotential besser nutzen.

Hierzu gehören gezielte, regionale Entwicklungsprogramme. Ein gutes Beispiel ist die Verknüpfung von Landwirtschaft, Tourismus und Holzwirtschaft, wie es im oberen Murtal mit Erfolg eingeleitet worden ist. Stichworte hierzu sind: "die Holzstrasse", die landesweite Ausstellung "Holzzeit", der "Murtaler Holzkongress" und die Strategie eines Kompetenzzentrums Holz in der Steiermark.

Ein wichtiges Beispiel ist das Konzept des Bergbauern-Marktes, d.h. die Entwicklung touristischer Nischen-Märkte.

Hierzu Beispiele:

Sinnvolle Förderungsmassnahmen in dieser oder ähnlicher Richtung werden sich im Interesse einer zukunftsverträglichen Land- und Forstwirtschaft verstärkt an regionalen Gegebenheiten orientieren müssen.

Bei Abwägung der Chancen und Risiken sind für die Zukunft des Mittelstandes im Alpenbereich neben ernstzunehmenden Risiken auch hervorragende Chancen zu erkennen. Wir haben keine schlechten Karten. Das Alpengebiet wird nach wie vor durch eine Reihe günstiger Standortfaktoren ausgezeichnet:

Diese positive Einschätzung setzt allerdings voraus, dass wir uns im Alpenraum auf eine kulturelle Identität besinnen, die im besten Sinne des Wortes nachhaltig mit der eigenen Tradition, mit den wirtschaftlichen Grundlagen und mit den natürlichen Ressourcen umgeht. Die einheimischen Bewohner der Alpen dürfen sich nicht als Fremdkörper im eigenen Land fühlen!

Kulturelle Identität heisst sinngemäss auch die Wahrung und Pflege kultureller Initiativen. Ein Beispiel unter vielen sind die sommerlichen Konzerte im Schloss des Fürsten zu Schwarzenberg.