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Telekommunikation,-Chance für den Alpenraum “Global denken, regional handeln” Ian C. Meerkamp van Embden (Auszüge aus dem Einführungsreferat) |
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Strukturänderungen
Weltweit ist im Zuge der vielzitierten Globalisierung eine Verschiebung der Wirtschaftsweise von der ursprünglichen Agrar- und späteren Industriegesellschaft zur Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft unverkennbar. Diese Entwicklung erfolgt in atemberaubenden Tempo.
Der österreichische Bundeskanzler Viktor Klima hat kürzlich in seiner Regierungserklärung vor dem Parlament in Wien im Hinblick auf die zukünftige Wirtschaftsentwicklung und schwierige Situation am Arbeitsmarkt erklärt: “Wir brauchen eine moderne und leistungsfähige Infrastruktur, zum Beispiel im Bereich der Telekommunikation.”
Markt - und Anwendungspotential
Derzeit beträgt der Weltmarkt für Kommunikationsdienstleistungen und Informationstechnologie bereits annähernd
1 Billion $, d. h. 1000 Milliarden $.
Der weltweite Markt für Telekommunikation übersteigt demnach jährlich bereits den 6-fachen Wert des gesamten Jahreshaushaltsplans der Europäischen Union von ca. 75 Mrd. ECU.
Das erst in den 80-er Jahren eingeführte INTERNET verbindet global inzwischen etwa 9 Millionen Computer, die von schätzungsweise 50 Millionen Teilnehmern benutzt werden.
Ein Blick auf die Situation in Europa:
Die Dresdner Bank beziffert den wertmässigen Umfang des Telekommunikationsmarktes in Europa (Stand 1994) auf 260 Mrd. DM, mit Wachstumsraten von 6 - 12 Prozent pro Jahr bis weit in das 21. Jahrhundert.
Dieses Entwicklungspotential verdient bei ansonsten eher stagnierender Wirtschaft und tendenziell steigender Arbeitslosigkeit sorgfältige Beachtung.
Nun könnte man einwenden, dass sich die Telekommunikations - Entwicklung zwar erkennbar in den Industriezentren und Ballungsgebieten abspiele, die Bevölkerung im Alpenraum hiervon jedoch nicht tangiert sei.
Nichts wäre verkehrter und vor allem kurzsichtiger als eine solche Einschätzung!
Ausgangslage im Alpenraum
Wir haben in Diskussionsbeiträgen des ALPENFORUMS immer wieder darauf hingewiesen, dass die wesentlichen Entwicklungsimpulse im Alpenraum nicht vom Inneren der Region, sondern von den äusseren Randgebieten beeinflusst werden, also in der Tat von den städtischen und industriellen Schwerpunkten am Alpenrand, sowie dem internationalen Umfeld ganz generell.
Man kann diese Feststellung ohne Möglichkeit einer Mitgestaltung über sich ergehen lassen, oder aber im Sinne der Eigeninitiative unter Anpassung an die regionalen Gegebenheiten des Alpenraums nutzen, weiter entwickeln und damit aktiv an diesen neuen Chancen partizipieren.
Es ist ein Verdienst verantwortlicher Persönlichkeiten in unserem Raum, diese Chance erkannt zu haben. Ich nenne hier u.a. unsere Gäste der Steiermärkischen Landesregierung, den Präsidenten der Wirtschaftskammer, Organisationen wie die TiKom und die SteKom, (einer Tochter der STEWEAG), aber auch mittelständische Unternehmer, beispielhaft hier im Raum Murau oder Landeck.
Die heutige Veranstaltung will dazu beitragen, Bereiche aufzuzeigen, in denen es sich lohnt, die Chance dieser neuen Technologien aufzugreifen und für die spezifischen Anforderungen der Alpenregion optimal einzusetzen. Und wir wollen dabei möglichst konkret werden.
Uns interessieren hierbei nicht die eingeführten Basistechnologien der Hardware, zu denen beispielsweise Telefon, Fax oder Mobilfunkgeräte gehören, sondern innovative, interaktive Anwendungen mit hoher Wertschöpfung.
Perspektiven für den Alpenraum
1. Spezielle Anwendungsbereiche
Als zukunftsorientierte Perspektive dieser Art nenne ich stichwortartig und ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
· das Informations-, Kommunikations- und Marketingmanagement in der gesamtem, überwiegend mittelständisch strukturierten Wirtschaft des Alpenraums,
· die Verkehrslenkung, Verkehrsinformation und Verkehrssicherheit
Auf diesem gerade für Österreich im Hinblick auf seine Verkehrsproblematik wichtigen Gebiet gibt es bereits eine ganze Anzahl von europäischen Förderprogrammen, darunter das Prometheus-Projekt (Program for an European Traffic with highest efficiency and unprecedented safety), das von der EU mit der bemerkenswerten Summe von 13 Milliarden DM finanziert wird.
· den Fremdenverkehr, das Hotellerie- und Gastgewerbe sowie die Organisation von Sommer- oder Wintersportzentren, beispielsweise bei der Entwicklung von Ski-Leitsystemen;
· die Entwicklung und den Einsatz von Geografischen Informationssystemen (GIS), teilweise bereits erfolgreich eingeführt
u.a. im Nationalpark Hohe Tauern, oder aber im Aufbau begriffen, wie im neugegründeten Nationalpark Kalkalpen,
· ganz besonders aber nenne ich mit höchster Priorität eine effiziente Aus und Weiterbildung
Das ALPENFORUM hat in seiner gestrigen Generalversammlung hierzu eine Resolution verabschiedet.
Auf dieser Grundlage, meine Damen und Herren, fordere ich die massgeblichen Vertreter der Politik auf, sich für die Gründung einer Europäischen Akademie für Informatik, Telekommunikation und Multimedia in der Steiermark nachdrücklich einzusetzen.
Es gibt bereits einige wenige, im Aufbau befindliche Fachhochschulen mit Fachrichtung Telekommunikation.
Keine dieser Institutionen hat aber meines Wissens den Status einer Europäischen Akademie.
Wir wären mit einem solchen Institut in der Lage, innerhalb weniger Jahre den Anschluss an die weltweite Innovationsfront auf dem Gebiet des modernen Informations- und Kommunikationswesens zu gewinnen.
Eine solche überregionale Aus- und Fortbildungsakademie im Rang einer Fachhochschule, und ausgestattet mit hochqualifizierten Lehrkräften, ist weitgehend standortunabhängig.
Man darf mit Sicherheit davon ausgehen, dass ein solches Zentrum der Ausbildung, Lehre und Forschung die Region enorm aufwerten würde.
Als Trägerorganisation wären aus meiner Sicht eine Kooperation der Europäischen Union, der österreichischen Landes- und Bundesregierung sowie der Wirtschaftskammern und regionaler Organisationen, naheliegend.
2. Bedeutung für den Arbeitsmarkt im Alpenraum
Junge Menschen der Region, die keine Möglichkeit mehr sehen, einen ausreichenden Lebensunterhalt in den ursprünglichen Wirtschaftszweigen erarbeiten zu können, haben durch das Entwicklungs- und Anwendungspotential der Telekommunikation eine echte Chance, eine zukunftsorientierte Perspektive.
Der anhaltende Verlust von Arbeitsplätzen beispielsweise in der Land- und Forstwirtschaft kann in vielen Fällen abgefedert werden, ohne dass eine Abwanderung aus dem ländlichen Alpenraum erfolgen muss.
Voraussetzung ist allerdings die Bereitschaft, sich in diese neue Entwicklung rechtzeitig einzuarbeiten.
Neue Berufsbilder entstehen, wie beispielsweise Programmierer, Softwareentwickler, Systemanalytiker, Netzwerker, Hardwarespezialisten, Informatiker, Kommunikationsfachleute.
Der Bedarf an diesen neuen Arbeitsplätzen muss rechtzeitig gedeckt werden können, und es ist für die wirtschaftlichen Chancen gerade der jungen Menschen in unserer Region wichtig, dass dieser Bedarf an gut ausgebildeten Fachleuten nicht von aussen importiert werden muss.
Es wird an uns selbst liegen, ob wir diese Chancen rechtzeitig aufgreifen und proaktiv für unsere regionalen Bedürfnisse im Alpenraum nutzen. Erste Schritte hierzu sind mit der Einrichtung von Telehäusern in Murau, Landeck und anderen Orten gemacht worden.
Meine Damen und Herren, zwei Anwendungsbereiche der Telekommunikation möchte ich in diesem Zusammenhang abschliessend noch speziell ansprechen: Die Telemedizin und die Telearbeit.
Telemedizin
Telemedizin ist der Sammelbegriff für alle modernen Telekommunikationsdienste, welche die medizinische Versorgung eines Patienten unterstützen und ergänzen können.
Zu den führenden medizinischen Institutionen dieser Region gehört das Landeskrankenhaus Stolzalpe, die grösste orthopädische Klinik Österreichs und gleichzeitig der bedeutendste Arbeitgeber im Bezirk Murau.
Wenn der Einstieg in die neuen Möglichkeiten der Telemedizin rechtzeitig erfolgt, sind die Chancen für ein zukunftsorientiertes Medizinmanagement enorm, und zwar sowohl für die Ärzteschaft ganz, generell, vor allem aber in modernen Kliniken, also beispielsweise auch für die Stolzalpe.
Welche Möglichkeiten bietet die moderne Telemedizin?
Hierzu ein Beispiel:
Eine unfallbedingte, lebensbdrohliche Hirnblutung erfordert die sofortige Operation. Ein Neurochirurg steht vor Ort nicht zur Verfügung Der Zeitverlust durch Transport in eine entsprechende Spezialklinik wäre für den Schwerverletzten tödlich.
Die Schaltung einer Videokonferenz zwischen dem regionalen Krankenhaus und dem entfernten Spezialisten, sowie die heute bereits hochentwickelte Technik teleradiologischer Übermittlung medizinischer Bilddokumente, beispielsweise Röntgen-, Scintigramm - oder Tomograhie-Aufnahmen, ermöglicht eine sofortige Begutachtung durch den Neurochirurgen. Die Operation kann interaktiv unter Beratung und Mithilfe des Spezialisten durchgeführt werden.
An der Universitätsklinik Mainz beispielsweise ist dies kein Zukunftsscenario, sondern bereits Realität. Inzwischen sind dort rund 450 elektronische Konsultationen dieser Art durchgeführt worden, seit sich 1989 zehn Kliniken zu diesem Projekt zusammengeschlossen haben.
Dieser Anwendungsbereich der Telemedizin wird gerade für die Situation im Alpenraum im Hinblick auf die hohen Unfallziffern im Gebirge, vor allem Skiunfälle oder eben verkehrsbedingte Unfälle abseits grosser Unfallkliniken, zukünftig mit Sicherheit an Bedeutung gewinnen.
Anwendungsbeispiel Telearbeit
Lassen Sie mich noch ganz kurz auf das Thema Dezentralisierung von Arbeitsplätzen durch Telearbeit eingehen.
Inzwischen gibt es in Österreich mehrere Telehäuser-, entweder schon operativ oder im Aufbau begriffen, darunter in Dorfbeuern/Salzburg, in Freistadt/ Oberösterreich, in Eichenau in Niederösterreich, sowie das Ende vergangenen Jahres in Landeck, Westösterreich eröffnete Zentrum
Wir sind gespannt, wie die jüngsten Projektinitiativen Murau online und Landeck einschlagen.
Gestatten Sie mir an dieser Stelle trotz grundsätzlich positiver Einschätzung eine Warnung vor einem allzu unkritischen Erwartungshorizont auszusprechen, sei es speziell zur Telearbeit, der Telemedizin, des Internet, oder zu bestimmten Anwendungen der Telekommunikation ganz generell.
So kann beispielsweise bei der Telearbeit nicht jede Tätigkeit eines Betriebs sinnvoll ausgelagert werden. Ausserdem sind die in Pilotuntersuchungen beispielsweise in USA oder in Deutschland gewonnenen Erfahrungen nicht ohne weiteres auf die Situation im Alpenraum übertragbar. Der konkrete Bedarf im Alpenraum dürfte vorerst begrenzt sein.
Auch im medizinischen Anwendungsbereich scheint mir eine kritische Anmerkung angebracht:
Wenn, wie in diesen Tagen geschehen, eine britische Lieferfirma über ihr homepage im INTERNET Medikamente anbietet, die für die angepriesenen Anwendungen verboten und u. U. lebensbdrohend sein können, ist dies aus meiner Sicht ein skandalöser Missbrauch der liberalen Kommunikation. Solche Fälle sind bedauerlicherweise keine Ausnahme. wie wir inzwischen feststellen müssen.
Rechtsfragen
Wie diese und andere Beispiele belegen, sind mit der Einführung der Telekommunikation und speziell auch des INTERNET offene Rechtsfragen entstanden, deren Beantwortung immer dringlicher wird.
Hierzu gehören die Sicherung des Urheberrechts, die Kontrolle des Datenschutzes, der Verbraucher- und vor allem der Jugendschutz, sowie Regelungen, welche die Verantwortlichkeit für den Inhalt bestimmter Informationen sicherstellen sollen. Bei der Telearbeit sind ausserdem auch arbeitsrechtliche Fragen angesprochen.
Fazit
Bei Abwägung der Chancen gegen gewisse Risiken der Telekommunikation, und auch unter Berücksichtigung eines möglichen Missbrauchs, ergibt der Einsatz dieser neuen Technologie eine eindeutig positive Perspektive für den Alpenraum. Unter den speziellen Gegebenheiten unserer alpenländischen Regionen ist es notwendig, dass wir alle Chancen einer entwicklungsfähigen, hochqualifizierten Dienstleistung nutzen.
Kaum eine andere Innovation entwickelt sich dynamischer und weist ausserdem eine höhere regionale Unabhängigkeit vom Standort auf.
Die Telekommunikation ist deshalb für einen Einsatz in ländlichen Regionen besonders geeignet.
Nutzen wir diese Chancen: Global denken, regional handeln zahlt sich aus!